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Vollmond -
In jeder Menschenseele
Klingt eine helle Saite.
Doch du bist Mehr
Bist Ozean bist Weite.
Umgibst mich dröhnend
Zart mit Stille.
Traurige Phantasie.
Im Mondlicht
Wandeln
 



 

Ich finde keinen Schlaf. Dein Schatten liegt noch lautlos neben meinem. Der volle Mond schien wieder durch das kleine Fenster meines Daches, ließ mich wachend träumen und dann, als sein runder Glanz den Raum in zartes Silber tauchte, standest du wieder dort. Das goldene Haar wie Sonnenstrahlen auf deinen Schultern, dein lieber Mund, das treue Lächeln deiner Lippen, all die Wärme einer verlorenen Welt deiner vergessenen Zeit. Du tauchtest ein zu mir und bliebst, bis die letzten Strahlen des Mondes sich entfernten. Wie lange schon kenne ich dich?

Seit damals. Ist es wirklich erst so lange? Als ich in diesen Körper schlüpfte und als Mensch erwachte? Ein Kind unter Leuten?

Oh Zeit. Warum bleibst du nicht einmal stehen? Nur für zwei Sekunden? Schenke mir doch bitte diese kleine Ewigkeit. Laß diesen Zauber einmal nur gefrieren. Die Welt? Sie würde es dir verzeihen. Auf tausend Jahre kommt es einer Heimat doch nicht an, die still um einen riesigen Stern kreist, wie andere kleine Kugeln auch. Und das geschieht doch auch an Millionen von anderen Orten in gleicher Weise. Das Kreisen um die Mitte, die Licht und Wärme gibt, oh laß sie nur einmal stehen. Ich bin mir sicher, keiner würde es bemerken.

Mit diesen Gedanken übergab ich mich dem Schlaf, dem kurzen Rest der Nacht, bis mich der Tagesfluß erwachen ließ. Ich lag noch still zwischen den Kissen und deinem Duft, den du vergessen hattest mitzunehmen. Geborgte Nähe für den Augenblick. Ich traute nicht, mich zu bewegen, aus Furcht den zarten Mantel zu zerreißen, das weiche uns einende Band.

Der Wecker endlich spie mich in den Tag. Sein lautes Hämmern riß den letzten Gedanken entzwei und was noch übrig war von dir an meiner Haut nahm das Wasser der Dusche fort. Der Tag beginnt. Und nur die Gedanken kommen hier und da zurück zu dem, was du mir immer gibst.

Klein. Ganz Jung. Es stand nicht fest, ob das Leben mich etwas behalten oder schon wieder abgeben sollte. Nein kein Kampf ums Überleben. Nach außen drangen zwar die menschlichen Reflexe, die sich die Natur nach und nach entwickelt hat, doch sie sind unbedeutend.

Ich kam aus einer anderen Welt einem fremden Sein. Und wie alle anderen Menschen auch werde ich irgendwann dorthin zurückkehren. Doch hatte ich mich jetzt in der Zeit verfangen. Unachtsam in einem Netz aus »Es war einmal Es wird einmal sein Und der Wirklichkeit dazwischen, dem kurzen Augenblick des Seins«.

Nun lag ich auf der Erde. Nicht wie ein Schiffbrüchiger am leeren Strand, den zärtlich noch die Wellen lecken. Ich lag in einer kalten, weißen und sterilen Welt. Voller Hektik und dem Lärm des Schaffens. Ein kleiner Klumpen Fleisch, der atmet. Noch viel zu zart für dieses grobe Leben. Noch nicht geboren im eigentlichen Sinn. Wie Schneewittchen lag ich in meinem Sarg aus Glas. Künstlich-Warm, auf weichen Stoffen und keine Erbse drückte meinen Körper.

Ich begriff, daß ich erneut entstanden war, nur hatte ich den Grund vergessen. Wieder waren da Beine, Füße, kleine Hände an weichen Armen. Mein Kopf? Noch viel zu schwer ich gab ihn ab an den Untergrund.

Am Anfang war auch noch keine Einsamkeit in mir. Ich war All-ein, mir dessen noch bewußt, woher ich kam. Doch schon begann das Bild im Nebel  zu verblassen. Mit jedem Tropfen Blut den irgendwer entnahm.

Angst stieg in mir auf und Sorge vor dem, was man verlieren in der Welt nennt. Da kamst du. Ich kannte dich. War deiner Seele schon so oft begegnet. »Zeitenreisende« hattest du dich genannt, wo unsere Bahn sich kreuzte. Zeit? Ich wußte mit dem Wort nichts anzufangen. Reise? Auch das verstand ich nicht. Konnten wir doch überall sein. Immer. Jetzt. Du gabst mir einen Strahl als Antwort schimmernd rotes Blau und er verfing sich in dem, was ich heute Seele nenne. Wir waren beieinander und geborgen. Du gingst über in mich oder ich in dich. Wir erlebten eine Welt. Eine mystische Synthese aus Licht und weniger Licht. Keine Dunkelheit. Nur Farben. Überall. Jede mit einer klingenden Bedeutung.

Das »Du« in mir lehrte mich dann irgendwann ein Gefühl Gefühle? Kannte ich die schon? und da schien alles zu beginnen. Es begann mit Zeit. Es war alles anders, als es eben war. Bekam Begrifflichkeit.

Wärme. Nähe. Ich erinnere mich wieder. Du wolltest mir begreiflich machen, was Nähe ist und rücktest etwas tiefer. Verschmelzung einer beinah Ewigkeit. So hatte ich es lange nicht gefühlt.

»Wer bist du?«
»Eine Hexe«
»Was ist das?«
»Der Tod und darin verborgen der ständige Neubeginn«

Es teilte sich der Lichtstrahl, der wir waren. Dein tiefes, dunkles Blau, mein rötliches Gelb. Ein Reißen, wie der Blitz, der vor dem Donner die Luft zertrennt. Du riefst in Sorge einen Namen, mußtest zurück, dein Körper schrie nach Nahrung. Ich konnte nicht verstehen. Ich war nicht mehr heil, war nicht mehr ganz. Ich war ich. Du fehltest mir. Ein »Ich« hier wurde es geboren begann zu suchen.

Ich spürte eine Art Gefahr. Abhängigkeit. Wie die Welle, die den Körper mit sich reißt in brodelnde Tiefe, sog mich der Wunsch fort, dir wieder zu begegnen. »Wo bist du?«. Ein Rufen voll Sorge, voller Angst. Und mit dieser Angst zerriß ich das Band, mit dem verspannt ich eins war mit dem All. Mein Licht sprang brüllend in eine enge, warme Kammer. Schrei des Todes Beginn des Lebens. War es das, was du meintest mit Tod und Neubeginn?

Ich bin! Manifest im Leben. Und immer noch kein »Du«. Ich besann mich. Seltsame Erinnerung. All das schien ich plötzlich wieder zu erkennen. Hatte ich schon einmal, zweimal, dreimal, unendlich oft erlebt.

Ich. Ich. Ich. Und auf diese Ebene begann ich mich zurück zu ziehen. Es gab mir Sicherheit. Die Unterlage, die Basis. Körper. Greifen. Bewegen. Ich erinnerte mich voller Schmerz, daß ich eben noch schweben konnte und nun? Gefangen. Wo war der Grund. »Ich liege auf dem Grund«. Angst ist grundlos. Vertraue dich doch dem Grund an. Ruhe.

Nein. Und wieder NEIN durchzuckte meinen Körper. Es ist nicht wahr. Es ist ein Fehler. Angst stieg in mir auf. Sorge vor dem Verlieren in der Welt.

Da kamst Du. Ich kannte dich. War deiner Seele schon so oft begegnet. Ein Schimmer wunderbarer Wärme glitt über mich. Da war es wieder, dieses zarte Blau. Und in dir war ein Schimmer von meinem roten Gelb. Ich sah durch alles Fremde hindurch. Sah nur zu dir. Und du umschwebtest meine Seiten. Warst Wind, der über mein Gesicht glitt. Warst Wasser, daß auf meiner Haut perlte, warst der Klang all dessen, was mich umgab.

Ich sah dich immer und immer wieder. Krampfhaft hielt ich dich hielt ich mich an dir. Nicht vergessen. Nicht verlieren. Der einzige Fehler, der geschehen kann. Vergessen in der Welt. Den Ur-sprung verlieren, vergessen das »Woher«. Doch du wichst nicht von mir. Ich bekam Sicherheit. Durfte dich auch manchmal vergessen. Freiraum. Ich merkte seine Wichtigkeit.

Hier war ich Gast und mußt erst die Pflichten lernen und die Regeln, die ich mit dem Folgen der Einladung auferlegt bekommen hatte. Essen. Trinken. Schlafen. Bewegen. Staunen. Alles hatte so viel Form. Es war wunderschön. Anfassen. Berühren. Weich Hart Trocken - Naß. Eine Welt voller Gegensätze. Und so gab es auch zwei Welten. Eine, in der ich voller Tatendrang er-lebte, und eine, in der ich ruhte und dir erzählte, wie sich alles anfühlt. Gedanken ohne Worte. Doch nicht mehr lange.

Licht. Zauberhafte Schatten. Nicht das Schwarz. Nicht das Dunkel. Farbige Flecken auf den Boden gemalt. Achtlos hingeworfen wirken die Lichtspielereien. »Sie krabbeln umher. Erklimmen die Wände, überwerfen sich auf dem Boden aus kaltem Marmor«. Überall ist das Spiel aus meiner Vergangenheit zu finden, als auch ich Licht war.

Das Erste Wort meines Lebens formt sich. Das erstemal erklingt etwas Gesprochenes mit Sinn. »Licht«. Und immer wieder erfüllt meine Stimme die Stille der Kirche.

Geboren aus Hell und Dunkel. Welt der Gegensätze. Ich beginne Kirchen zu lieben. Nicht, weil sie heilig sind. Nicht, weil sie einen Schöpfergedanken versprechen. Nicht, weil sie die Mühsal auf Erden erklären. In ihnen ist eine zarte Verbindung zum Überweltlichen. Hier schlummert verborgen der Frieden. In Kirchen finde ich fortan die Ruhe, um mich meines Ursprungs zu erinnern. Nicht im Eingedenken an einen bildhaften Gott.

Ich finde dich.
Finde mich.
Gemeinsamkeit.


 
 

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© baraka | bernd schach